Ist vielleicht der Aufstieg Chinas zur zweitgrößten und aufstrebenden Wirtschaftsmacht auf dem Weltmarkt, die nun direkt mit den USA um die Vorherrschaft konkurriert, ein Ausdruck der Dynamik der sogenannten „sozialistischen Marktwirtschaft“?
Ist es möglich, dass staatliches Eigentum an vielen der großen Konzerne Chinas, die in einer Reihe von Branchen (Luft- und Raumfahrt, Chemie, Energie, Baugewerbe, Aluminiumproduktion, Telekommunikation, Transport) weltweit an erster Stelle der Fortune Global 500-Liste stehen, einen sozialistischen Charakter hat? Ist es möglich, dass es die Gesetzmäßigkeit der Entwicklungdes gesellschaftlichen Charakters der Produktion, die einen fortschrittlichen Trend in der gesellschaftlichen Entwicklung darstellt und auch die Entwicklung in der Sowjetunion widerspiegelt, zum Ausdruck bringt?
Man kann sich nicht die Welt machen, wie sie einem gefällt! Der Marxismus-Leninismus verlangt, dass wir die politische und sozioökonomische Entwicklung eines Landes nicht nach unseren Wünschen, nicht nach Proklamationen und pompösen Phrasen seiner Führung beurteilen,sondern anhand der objektiven Realität der Produktionsverhältnisse, der Klassenverhältnisse im Produktionsprozess.
Ein Paradebeispiel für diese Notwendigkeit ist die Sowjetunion. Dort wurde, nach der opportunistischen Wende des 20. Parteitags der KPdSU im Jahr 1956, verkündet, dass das Land entschlossen sei, „den Weg zur höheren Phase des kommunistischen Aufbaus einzuschlagen”, während gleichzeitig im Bereich der Wirtschaft (und nicht nur dort) Maßnahmen ergriffen wurden, die die kommunistischen Produktionsverhältnisse und die zentrale Planwirtschaft durch die Ausweitung der Ware-Geld-Beziehungen untergruben.
Die rhetorischen Erklärungen der chinesischen Führung, die auch in der Verfassung des Landes verankert sind, dass „die sozialistische Umgestaltung des Privateigentums an den Produktionsmitteln abgeschlossen ist“, dass„China sich für lange Zeit im Anfangsstadium des Sozialismus befinden wird“ und dass „Individualwirtschaft und der Privatwirtschaft wichtige Bestandteile der sozialistischen Marktwirtschaftsind“, stehen nicht nur in offensichtlichem Widerspruch zueinander,sondern verstoßen auch gegen die Gesetze des sozialistischen Aufbaus selbst, die keiner freienAuswahl auf der Grundlage der Besonderheiten des einen oder anderen Landes (hier die „chinesischen Eigenschaften”) unterliegen, sondern Notwendigkeiten dessen Aufbaus sind, die dessen Charakter bestimmen.
Der Sozialismus ist die erste Stufe der kommunistischen Gesellschaft, und nicht etwa eine „Übergangsgesellschaft“ mit besonderen Merkmalen, sowohl im Vergleich zum Kapitalismus als auch zum Sozialismusals Gesellschaft „mit vielfältigen Wirtschaftsformen“, wie dies heute für China behauptet wird.
Die Produktion im Sozialismus ist unmittelbar gesellschaftliche Produktion, bei der die konzentrierten Produktionsmittel vergesellschaftet sind und die Produktion und die Verteilung des größten Teils des gesellschaftlichen Produkts zentral geplant werden. Die Beibehaltung privater und kollektiver Eigentumsformen im Sozialismus und der mit ihnen verbundenen Ware-Geld-Beziehungendarf kein „bedeutendes”und langfristiges Phänomen der gesellschaftlichen Produktion darstellen, sondern muss schrittweise bis zu ihrer vollständigen Beseitigung eingeschränkt werden.
Im Gegensatz dazu verläuft die Entwicklung der Produktionsverhältnisse im heutigen China in eine völlig andere Richtung. Nach Angaben des chinesischen Statistikamtes machte der Privatsektor im Jahr 2025 über 60 % des BIP des Landes, 57 % der Anlageinvestitionen, 49 % des Außenhandels und über 80 % der Beschäftigung in den Städten.1
Es ist erwähnenswert, dass das Unternehmenskapital in Privateigentum im Jahr 1978 bei null lag und bereits im Jahr 2014 auf 33% angestiegen war, was einen kontinuierlichen Anstieg des Privateigentums an Produktionsmitteln widerspiegelt. Bei den 100 größten an der chinesischen Börse notierten Unternehmen machte der Privatsektor im Jahr 2021 mehr als 50 % des Kapitalwerts aus, während dieser Anteil im Jahr 2010 noch bei nur 8 % lag. 2
Ein Indikator für die rasante Ausbreitung kapitalistischer Produktionsverhältnisse ist die Zunahme der Ungleichheiten im heutigen China. Im Jahr 2024 erhielten die reichsten 10% der Chinesen 43,3 % des Gesamteinkommens (27,8% im Jahr 1978), während die ärmsten 50% der Chinesen nur 13,7% erhielten (25,2 % im Jahr 1978). Im Jahr 2024 hatten die reichsten 10% der Chinesen 68% des Gesamtvermögens angehäuft (der entsprechende Anteil in den USA betrug im selben Jahr 70 %).3 Gleichzeitig gibt es in China heute über 1.000 Milliardäre, von denen 100 jeweils ein Reinvermögen über 4,5 Milliarden Dollar besitzen! 4
Die Tatsache, dass mehrere große Konzerne im heutigen China, häufig in strategischen Wirtschaftsbereichen, noch immer in Staatsbesitz sind und dass der staatliche Sektor in der Verfassung als „die dominierende Kraft der Wirtschaft” bezeichnet wird, stellt keinen Beweis für den „sozialistischen” Charakter der Produktion und der Wirtschaft dar.
Es genügt, sich an das Beispiel vieler kapitalistischer Länder auf der ganzen Welt zu erinnern, höher oder niedriger entwickelt, darunter auch Griechenland, wo große Konzerne in kritischen Wirtschaftsbereichen jahrzehntelang in staatlichem Besitz waren (z. B. in Griechenland: Elektrizität - DEI, Telekommunikation – OTE, Bahn - OSE, Olympic Airlines, Minen und Metallurgie - LARKO, die Werften, usw.). Je nach den Erfordernissen der Kapitalausweitung auf ausländische Märkte, der Konjunkturlage und den (zu einem bestimmten Zeitpunktunbefriedigenden) Renditen für die Kapitalanlage in den entsprechenden Branchen übernahm der bürgerliche Staat als kollektiver Kapitalist das Eigentum an den entsprechenden Unternehmen.
Im Gegensatz zu den Verzerrungen durch verschiedene Opportunisten stellt das Eigentum des bürgerlichen Staates an den Produktionsmitteln keine Form des „Sozialismus“ dar, sondern eine Art der Erfüllung der Bedürfnisse des Kapitals. Lenin schrieb „prophetisch“: „… zu den meistverbreiteten Irrtümern gehört die bürgerlich-reformistische Behauptung, der monopolistische oder staatsmonopolistische Kapitalismus sei schon kein Kapitalismus mehr, er könne bereits als „Staatssozialismus" bezeichnet werden und ähnliches mehr.“
Die zentrale Planung, eine grundlegende Gesetzmäßigkeit des sozialistischen Aufbaus, ist im heutigen China ein Konstrukt der Fantasie. Die Zentrale Planung wurde seit 1993 untergraben, zunächst durch die Einschränkung der für staatseigene Betriebe verbindlichen Planvorgaben und die Umwandlung der verbleibenden Vorgaben in bloße unverbindliche Empfehlungen. Die „Entscheidungsbefugnis in der Betriebsführung” staatseigener Betriebe wurde verfassungsrechtlich verankert (Artikel 16), was dazu führte, dass der Profit zum obersten Kriterium für die Bewertung der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens wurde und das Wertgesetz zum bestimmenden Faktor für die Produktion.
In staatlichen Unternehmen werden, sofern ein Plan vorliegt, nur langfristige Ziele festgelegt, eine Praxis, die bürgerliche Staaten seit Jahrzehnten weltweit in zahlreichen Ländern anwenden. Die Abschaffung des staatlichen Monopols im Außenhandel war ein weiteres wichtiges Instrument für die rasche Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse.
Darüber hinaus stellt das heutige kapitalistische China keine spezifisch chinesische Umsetzung der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) der Bolschewiki dar, wie einige begeisterte Verfechter der „Besonderheiten” beim Aufbau des Sozialismus behaupten. Wir erinnern daran, dass die Umsetzung der NEP ab Frühjahr 1921 und die damit einhergehende Stärkung der Ware-Geld-Beziehungen eine notwendige, aber vorübergehende Anpassung der Politik des Arbeiterstaates dar, der damals aufgrund des langjährigen Bürgerkriegs, der imperialistischen Intervention und des imperialistischen Krieges mit einer Zerrüttung der Wirtschaft konfrontiert war.
Die Bolschewiki betrachteten die NEP in ihren Analysen nicht als ein Zwischengeschaltetes sozioökonomisches System,als ein gesetzmäßiges Merkmal des sozialistischen Aufbaus, sondern als eine vorübergehende Phase, die wertvollen zeitlichen Spielraum für die Erholung der sozialistischen Industrie bot. Es besteht also keinerlei Zusammenhang zwischen dem chinesischen „Marktsozialismus” und der NEP!