Die Intensivierung der innerimperialistischen Widersprüche und der Verlauf der kriegerischen Konflikte nähren in letzter Zeit die zunehmende Propaganda der kapitalistischen Staaten und der imperialistischen Bündnisse. Dazu gehört zwangsläufig die Instrumentalisierung der Geschichtswissenschaft, die gewaltsam den unmittelbaren imperialistischen Zielsetzungen angepasst wird
Es handelt sich natürlich nicht um ein neues Phänomen. Seit vielen Jahren verfolgen sowohl der griechische kapitalistische Staat als auch seine imperialistischen Bündnisse, und andere kapitalistische Staaten, deren Apparate in Griechenland wirken, das Ziel, durch akademische Kooperationen, Finanzierungen und Stipendien, Public Relations und Aufstiegsversprechen einen Einflusskreis zu schaffen, in dem sie ihre Interessen an den griechischen Universitäten fördern können. Unter den Wissenschaftlern, die als geeignete Vermittler der Propaganda ausgewählt werden, nehmen erwartungsgemäß Historiker eine Sonderstellung ein – genauer gesagt diejenigen, die durch die einseitige Hervorhebung isolierter Aspekte der Geschichte auch die entsprechenden historischen Lehren vorwegnehmen.
Angesichts der aktuellen Lage erinnern wir daran, dass es noch nicht einmal 25 Jahre her ist, dass der iranische Präsident Mohammad Khatami im März 2002 zum Ehrendoktor der Panteion-Universität in Athen ernannt wurde.Die damalige Regierung von PASOK trieb diese Ernennung voran und orientierte sich dabei an den Priorisierungen des EU-Kapitals hinsichtlich einer diplomatischen Annäherung an den Iran. Entscheidend war jedoch, dass Griechenland nach einem Bündnis suchte, das die Achse zwischen Israel und der Türkei ausgleichen könnte, da in der Türkei noch die Kemalisten herrschten. Erdogan sollte erst ein Jahr später, im März 2003, zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Die Universitätsleitung, die Professoren, sogar Erzbischof Christodoulos waren vor Ort, um Khatami zu begrüßen. Plötzlich wurde über religiöse Toleranz gesprochen und in den Zeitungen der bürgerlichen Presse erschienen Artikel von Historikern über die beiden uralten Kulturen (die griechische und die persische), die sich zeitgleich entwickelten und der Menschheit doch so viel gegeben hatten. Fast wären auch die Perserkriege in Vergessenheit geraten! Das Paradoxe daran ist: Würde heute jemand dieselben Argumente aufbringen, würde mit Sicherheit als Anhänger der Mullahs oder als Antisemitbezeichnet.
Am offensichtlichsten und dauerhaftesten ist das Beispiel der Anpassung historischer Erkenntnisse an die aktuellen außenpolitischen Prioritäten des kapitalistischen Staates im Zusammenhang mit den griechisch-türkischen Beziehungen. In der besagten Zeit, um die Jahrhundertwende und kurz danach, war die Normalisierung der Beziehungen zur Türkei, auch durch deren möglichen Beitritt zur EU, eine Priorität des griechischen kapitalistischen Staates.Den Ton gaben also die „Erdbebendiplomatie“, die Zeybektanzenden Außenminister und die persönlichen freundschaftlichen Beziehungen der beiden Ministerpräsidenten an. In den Schulbüchern wurde das imperialistische Massaker in Smyrna von Historikern als "Gedränge im Hafen" bezeichnet. Später führten die Entwicklungen in den griechisch-türkischen Beziehungen dazu, dass die Positionen des bürgerlichen Kosmopolitismus zurückgingen und durch bürgerlichen Nationalismus ersetzt wurden. Sie könnten jedoch in nächster Zeit wieder aufleben, falls eine Vereinbarung über die gemeinsame Nutzung der Ägäis erforderlich wird; in diesem Fall müssten die historischen Schlussfolgerungen entsprechend angepasst werden.
Gleichzeitig gab und gibt es all die Jahre nicht nur Historiker innerhalb und außerhalb der Universitäten, die die Agenda großflächiger imperialistischer Bündnisse und ausländischer kapitalistischer Staaten vorantreiben, unabhängig davon, ob und inwieweit diese mit den spezifischen Zielen des griechischen Staates übereinstimmen.
Erinnern wir uns auch daran, dass in den Jahren der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise und der darauf folgenden Jahren der Memoranden viele griechische und ausländische Historiker versucht haben, die Folgen der dreifachen faschistischen Besatzung in Griechenland zu verharmlosen, indem sie sich systematisch dem historischen Revisionismus hingaben. Erinnern wir uns zudem daran, dass im gleichen Zeitraum Historiker aus dem gesamten bürgerlichen politischen Spektrum, die über transatlantische Kontakte verfügten, es sich zur vorrangigen Aufgabe gemacht haben, die Geschichte der Arbeiter-, Volks- und kommunistischen Bewegung in Griechenland und insbesondere den Kampf der EAM-ELAS (Nationale Befreiungsfront-Volksbefreiungsarmee) und der DSE (Demokratische Armee) zu diffamieren.
Was hat sich also geändert?
Die Verschärfung der innerimperialistischen Gegensätze und die rasante Neuordnung der Bündnisse der kapitalistischen Staaten zwingen diese Staaten und imperialistischen Zentren dazu, ihre Planungen kurzfristiger zu gestalten. Analog dazu werden die Prioritäten und Bündnisse der Historiker, die diesen Planungen dienen, neu geordnet. Ältere „historische Narrative“ (wie man sie nennt) werden zerstört und neue, die den Umständen entsprechen, werden konstruiert.
Vor diesem Hintergrund sah die Historikerin und Dozentin an der Ägäis-Universität, Anna -Maria Droumbouki den Anstieg des Antisemitismus nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 als brennendes wissenschaftliches Forschungsthema an und veröffentlichte über die Website des Israelitischen Zentralrates Griechenlands einen Aufruf zur Einreichung von Beiträgen für die Mitwirkung an einem Sammelband zum Antisemitismus in Griechenland. Da das von ihr gewählte Thema nicht so sehr einem Gegenstand historischer Forschung ähnelt, sondern eher ein Thema der aktuellen Politik betrifft und sie selbst im Voraus ankündigte, dass der Sammelband nicht wissenschaftlich und in streng akademischer Sprache verfasst werden solle1, stellt sich die Frage: Warum hat sie den Völkermord in Gaza oder die Ausweitung des imperialistischen Krieges im Nahen Osten nicht als dringendes humanitäres Problem eingestuft?
„Und seit wann muss ein Historiker in diesem Land um eine Genehmigung bitten oder die vorherrschende Stimmung abwägen, um eine wissenschaftliche Initiative zu ergreifen?“, fragt Michalis Mitsou auf den Seiten der Zeitung „TA NEA“2.
„Gar nicht“ lautet die Antwort. Jedoch darf man diese „wissenschaftliche Initiative“ auf den Prüfstein stellen können. Und man kann erkennen, dass ein Wissenschaftler, der das Wesentliche außer Acht lässt, unweigerlich zu dessen Verschleierung und zur Desorientierung beiträgt.
„Ich unterstütze die Politik der israelischen Regierung nicht und verurteile die Verbrechen, die in Gaza begangen werden, auf das Schärfste“, antwortet Droumbouki prompt. 3 Doch ihre persönliche Meinung fällt hier kaum ins Gewicht, wenn ihr Werk objektiv in eine andere Richtung zielt.
Es ist offensichtlich, dass,wenn ein Historikersich ausschließlich mit der Rolle Frankreichs bei der Bekämpfung des Analphabetismus in den kolonisierten Gebieten, mit den Tierschutzgesetzen der Nazis, mit dem Einfluss des Jazz auf die lateinamerikanische Musik oder mit der rassistischen Rhetorik der EAM, da einige ihrer Zeitungendie indischen Soldaten des Britischen Empire als „Negerlein“ bezeichneten, befasst, versucht, die Verbrechen der französischen Kolonialherrschaft und des Nazismus, die imperialistische Politik der USA in Lateinamerika und die britische Intervention in Griechenland im Jahr 1944 zu verschleiern oder gar zu verheimlichen.
Teilaspekte werden hervorgehoben und vergrößert, nur um das Allgemeine zu verbergen. Im Übrigen ist jeder historische Forschungsgegenstand in konkrete zeitliche und räumliche Zusammenhänge eingebettet und wird daher in diesem konkreten Kontext eingeordnet.
Wer sich also mit Antisemitismus befasst (und das gerade im gegenwärtigen Griechenland), während der Staat Israel den Völkermord am palästinensischen Volk und einen imperialistischen Krieg im Nahen Osten anführt und sein Verbündeter, der griechische kapitalistische Staat, dafür gesorgt hat, dass ein junger Palästinenser verhaftet wurde, nur weil er die Flagge seines Heimatlandes bei einer Protestkundgebung auf dem Syntagma-Platz schwenkte, wird das Wesentliche verschleiert und die objektive Realität noch viel stärker verdreht.
Professor Giorgos Margaritis wagte es, das anzusprechen, indem er die unwissenschaftliche Vorgehensweise kritisierte, bei der die imperialistischen Verbrechen der dreifachen faschistischen Besatzung früher als „Trauma“ wahrgenommen wurden und heute mit dem Argument des Antisemitismus versucht wird, die Verbrechen des israelischen Staates zu verschleiern.
In diesem Fall offenbarte sich, trotz der gegenteiligen Behauptungen von Anna-Maria Droumbouki4 und ihren liberalen Anhängern, wer an den griechischen Universitäten und darüber hinaus tatsächlich das Sagen hat. Eine Reihe von Massenmedien (liberal.gr, athensvoice.gr, Ta Nea usw.) und Wissenschaftler eilten herbei, Droumbouki zu verteidigen und Margaritis anzugreifen. Den anderen Professor, der Droumbouki seinen Lehrstuhl an der Ägäis-Universität versprochen hatte, als ob ein Erbrecht bei der Nachfolge gibt, haben nicht ins Visier genommen.
Mit anderen Worten: Die Fürsprecherin für akademische Freiheit, die den unerbittlichen Kampf ausgerufen hat, kehrte aus Deutschland mit einer gesicherten Stelle als Mitgift zurück (wie sie selbst in einem Post zugab, den sie anschließend änderte). Gleichzeitig droht sie jedem, der ihr widerspricht, zu verklagen. Dabei haben sich ihre liberalen Verteidiger nicht um diese „Kleinigkeiten“ gekümmert. Offensichtlich, weil sie wissen, wie die „Geschäfte“ an griechischen Universitäten abgewickelt werden, und weil sie unter akademischer Freiheit bestimmte Voraussetzungen verstehen; genauso wie sie Gewalt unter bestimmten Voraussetzungen begreifen und bei Kriegsverbrechen ein Auge zudrücken.
Soweit es um den Willen zur Bekämpfung des Antisemitismus an sich geht, handelt es sich um ein „leeres Versprechen” – insbesondere in einer Zeit, in der friedliche Proteste gegen den Staat Israel als antisemitische Handlungen bewertet wurden, und sogar US-amerikanisch-jüdische Studenten wegen Antisemitismus von Universitäten verwiesen wurden, weil sie den Kampf des palästinensischen Volkes unterstützten.Auch Anna-Maria Droumboukibegreift den Antisemitismus auf eine ähnliche Art. Sie unterstreicht dies durch die Veröffentlichung ihrer Erklärung auf der Website des Israelitischen Zentralrates, zusammen mit einigen Fotos, die angeblich den Antisemitismus im heutigen Griechenland belegen sollen. Darunter befinden sich auch zwei Plakate, von denen eines die Aufschrift „Freiheit für Palästina“ und das andere „Zionisten raus aus Griechenland“ trägt. Zweiter Beweis: ihre Überzeugung, dass „Antisemitismus tief bei der Linken verwurzelt“ sei.
In Griechenland gab es nach dem 7. Oktober 2023 keinen Anstieg des Antisemitismus. Es gab lediglich eine wachsende Welle der Verurteilung des mörderischen Staates Israel, und der Solidarität mit dem palästinensischen Volk, das Zehntausende Tote zu beklagen hat und nun zudem mit der Gefahr einer Hungersnot konfrontiert ist, und
Und um das ein für alle Mal klarzustellen: Antisemitismus, Zionismus und jede andere nationalistische und rassistische Ideologie sind echte Erzeugnisse des Kapitalismus und werden dazu benutzt, das Bewusstsein zu vergiften und die Verbrechen des Kapitalismus zu rechtfertigen. Sie hatten und haben keinerlei Beziehung zur Arbeiter-, Volks- und kommunistischen Bewegung, die sich für Palästina einsetzt und kämpft.
Historisch betrachtet, hat die Arbeiter- und Volksbewegung sowie die kommunistische Bewegung die fortschrittlichen Juden stets für ihre Rolle in der Literatur und den Kunstwissenschaften respektiert, im sozialistischen Denken und bei der Begründung des wissenschaftlichen Kommunismus sowie für ihren Beitrag zur gewerkschaftlichen und politischen Organisation der Arbeiterklasse in einer Reihe von Ländern, einschließlich Griechenland.
In unserem Land waren einige der Gründungsmitglieder der KKE jüdische Arbeiter und Intellektuelle aus Thessaloniki. Außerdem war die KKE als auch die EAM-ELAS während der Besatzungszeit in Regionen, wie Volos und Korfu, Vorreiter bei den Rettungsaktionen von Juden. Es gab auch Juden, die sich der ELAS angeschlossen hatten. Heute kämpfen wir an der Seite der Juden und Palästinenser, die sich gegen die verbrecherische Politik des kapitalistischen Staates Israel wehren, der zugleich der größte Förderer des Antisemitismus ist.
Im Gegensatz dazu stammten diejenigen, die den Antisemitismus und die Verbrechen gegen die Juden vorantrieben, aus den Kreisen der einheimischen Bourgeoisie, wie zum Beispiel die Faschisten der „Nationalen Vereinigung Hellas“(der berüchtigten 3E) in der Zwischenkriegszeit, die von Politikern der Venizelos-Partei finanziert wurden, oder die Sicherheitsbataillone während der Besatzungszeit.
Wir sind der festen Überzeugung, dass der Kampf gegen Antisemitismus, gegen den Faschismus und den Nazismus, gegen den politischen Liberalismus, der die Augen vor Kriegsverbrechen verschließt, den Zionismus und jede andere ideologisch-politische Hülle, die die kapitalistische Barbarei annimmt, eng mit dem Kampf gegen die kapitalistische Herrschaft verbunden ist, die jede Art von arbeiterfeindlichem und volksfeindlichem Gebilde nährt. Dieser Fakt unterstreicht die Notwendigkeit eines unermüdlichen Kampfes gegen jeden Apologeten der kapitalistischen Herrschaft, aber auch gegen die pseudowissenschaftlichen Ideologeme kapitalistischer Staaten und imperialistischer Bündnisse.
- Maria Droumbouki, „Offener Aufruf zur Teilnahme an einem Sammelband über den zeitgenössischen Antisemitismus in Griechenland“ unter https://www.kis.gr/ index.php/antisimitismos/erevnes/anoichte-prosklese-symmetoches-se-syllogiko-tomo-gia-ton-synchrono-antisemitismo-sten-ellada
- Michalis Mitsou, „Lynchjustiz“, TA NEA, 17. Juni 2025.
- s.o.
- A. Droumbouki, „Antisemitismus ist an griechischen Universitäten und in der Linken tief verwurzelt“ auf www.liberal.gr/synenteyxeis/o-antisimitismos-einai-bathia-rizomenos-sta-panepistimia-kai-tin-aristera
